Sommergespräch mit dem Kaminkehrer Zepf Erich

Das Gespräch führte Alexander Völkl

Erich Zepf mit seiner Frau Maria
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Alexander Völkl: Herzlich willkommen lieber Erich Zepf zum Sommergespräch 2026 der Sing-Gemeinschaft Schwabsoien. Die Sommergespräche der SGS berichten über unsere Chormitglieder mit interessanten Tätigkeiten und Berufen. Du warst viele Jahre Schornsteinfeger, wie bist du das geworden?

Erich Zepf: Ich bin in Peißenberg 1938 geboren, bin also noch Vorkriegsware.

Ich lernte 1953 im elterlichen Betrieb meines Vaters Kaminkehrer, im Altlandkreis Schongau. Nach Ablegen des Gesellenbriefes habe ich fast 25 Jahre im elterlichen Betrieb gearbeitet.

Es war damals eine vollkommen andere Zeit, es gab viel Kohle durch Kohleabbau in Peiting und Peißenberg, in Oberbayern. Der Bergmann hat zum Beispiel ein Deputat von 80 Zentner Kohle bekommen. Dadurch gab es viel Ruß in der Luft und Dreck in den Kaminen.

Die Arbeit und Arbeitsmittel waren in der Nachkriegszeit anders. Man hat keine Verkehrsmittel gehabt, ich bin mit dem Fahrrad von Kehrbezirk zu Kehrbezirk unterwegs gewesen. Das waren die Gemeinden Hohenpeißenberg, Birkland, Apfeldorf, Reichling, Epfach, Kinsau, Hohenfurch. Der Kehrbezirk wurde kontinuierlich durch Neubaugebiete aufgestockt. Wir hatten also immer mehr als genug Arbeit.

Alexander Völkl: Und das alles mit dem Radl?

Erich Zepf: Bis dann das Moped gekommen ist. Das war natürlich eine super Erleichterung. Ja gut, es waren schöne Jahre in Oberbayern und im elterlichen Betrieb. Der Lechtaler bzw. das Lechgebiet, das ist ein guter Menschenschlag. Locker und aufgeschlossen.

Aber der Kaminkehrer hat den Menschen nicht nur Glück gebracht, sondern einfach Geld gekostet. Wir haben unsere Aufgabe wahrnehmen müssen. Und die Hauptaufgabe war damals der vorbeugende Brandschutz.

Ich habe 1960 die Meisterprüfung schon mit 22 Jahren abgelegt und durfte mich Kaminkehrermeister nennen. Das war zu der Zeit herausragend. Damals habe ich meine Frau Maria aus Hohenfurch kennengelernt, die mich immer fest unterstützt hat. Ja, das war eine Zeit, die möchte ich nicht vermissen.

Dann kam es zur Anstellung. Ich war in der Bewerberliste. Es wurden zehn Kehrbezirke im Regierungsbezirk Oberbayern vergeben. 1975 sind zehn Kehrbezirke vergeben worden. Und ich habe das Glück oder das Pech gehabt, dass ich die Nummer 10 war.

Die Nummer 1 und folgende konnten sich den Kehrbezirken raussuchen. Die Nummer 10 schaut, was übrig bleibt. Doch dann hat es auf einmal geheißen, der Kehrbezirk Lenggries kommt jetzt auch noch zur Vergabe. Weil der Kaminkehrer, ein gewisser Herr Reiter aus München verzichtet hat.

Zugleich wurde der Kehrbezirk Neuburg an der Donau nach Oberbayern eingewiesen. Den wollten sie mir geben. Das wäre ziemlich weit gewesen. Ich bin ja Oberländler. Da gehe ich nicht runter. Ich sehe keinen Tannenbaum mehr. Da gehe ich nicht hin, dachte ich bei mir.

Es kam der große Tag, das Vergabegespräch bei der Regierung von Oberbayern. Die wollten mir Neuburg an der Donau geben. „Lenggries“ habe ich gesagt. Der von der Regierung hat mit der Faust auf den Tisch reingehauen. „Und wenn sie keinen zweiten Mann beschäftigen, dann ist es nach dem Probejahr aus.“ Damals musste man probehalber den Betrieb führen. Die Regierung in Form des Landratsamtes überprüft, ob alles geklappt hat.

Ich wurde in Lenggries also irgendwie reingeschmissen. Der Kehrbezirk, das ganze Karwendel Gebirge hat eine Ausdehnung von 50 Kilometern. Eine meiner Gemeinden war der kleine Ort Jachenau, der 29 Kilometer lang war. Herzogsstand. Walchensee. Das hat alles zu meinem Bereich gehört.

Der Kehrbezirk Lenggries hatte damals schon 12.000 Einwohner. Es war eine überdimensionale Sache. „Mensch,“ habe ich gedacht.“ So weit die Füße tragen.“ Also habe ich die Aufgabe mit zuerst einem Gesellen übernommen.

Der Isarwinkel ist auf jeden Fall eine andere Mentalität. Der ist hart. Ich als Werdenfelser bin eher locker. Wenn man zu denen reinkommt, da bist du ein Fremder. „Ja, was ist denn das für einer? Aus dem Raum Schongau. Ja, der passt ja gar nicht her. Der ist schwäbisch.“ Aber von der Mundart war ich ein gebürtiger Peißenberger. Ich habe mich da sehr gut verstanden.

Die Aufbauarbeit hat lange Jahre gedauert, hatte dann zwei Mitarbeiter. Es war sehr beschwerlich Jeden Tag 150 Kilometer. Altenstadt – Lenggries und abends wieder zurück.

Alexander Völkl: Du bist jeden Tag reingefahren?

Erich Zepf: Jeden Tag. Ich hatte da drinnen nur einen zweiten Wohnsitz. Ich habe ein Vierteljahrhundert da drin verbracht. Das war anstrengend.

Aber wie gesagt: Ich bin aus der Dynastie einer alten Kaminkehrerfamilie. Mein Großvater war Kaminkehrer. In Dillingen an der Donau. Dort waren sechs Kinder, drei Mädchen und drei Buben. Die drei Buben haben das Kaminkehrerhandwerk erlernt. Und zwei Töchter haben Kaminkehrer geheiratet.

Meine Tätigkeit in Lenggries war sehr hart, auch weil die Winter extrem schwer waren. Die Schneeverhältnisse in der Jachenau, oh mein Gott! Zum Beispiel die Schattenhöfe, da konntest du nicht in die Fenster reinschauen und nicht raus vor lauter Schnee. Ein Vierteljahr ist da keine Sonne eingestrahlt. Teilweise hatten die Leute keinen Fernsehempfang in den schmalen Tälern.

Lenggries in den 70ger, 80ger Jahren, es war damals der größte Kehrbezirk auf Bundesebene! Mein Kehrbezirk bestand aus zwei Gebirgstälern, man hat keine zeitsparende Runde drehen können, um den Kehrbezirk zu bearbeiten. Rein und die gleiche Strecke wieder zurück. Das sind 30 Kilometer.

Das eine Tal war in der Jachenau. Weißensee, Wiedernach. Das andere Tal zum Sylvenstein. Der Vorderriss, der südlichste Gemeindeteil von Lengries ist eine Enklave mit ungefähr 25 Leute.

Alexander Völkl: Was macht jetzt der Schornsteinflieger im Winter, wenn das Dach voller Schnee ist? Beten, dass er nicht runterfällt?

Erich Zepf: Ja, das ist auch ein Argument.

Damals waren keinerlei Sicherheitseinrichtungen auf dem Dach installiert. Als ich da reingekommen bin, hatte ich drei Holzleitern. Eine am Weichensee, 2 in Lenggries, das waren drei Holzleitern. Im Probejahr 1975 hat mich eine Lawine runtergedrückt.

Alexander Völkl: Und du bist runtergefallen?

Erich Zepf: Bin ich runtergefallen und daher rührt auch eine Handverletzung.

In diesem Kehrbezirk hatte ich 3.600 Gebäude, die ich kehren, aber auch verwalten, sprich auch Rechnungen schreiben musste. Damals hat es noch keinen PC gegeben. Das war für mich wahnsinnig.

Alexander Völkl: Du hast die Häuser alle zweimal im Jahr gekehrt?

Erich Zepf: Nein, ich habe öfters kehren müssen. Sechs Termine habe ich gehabt. Die praktische Arbeit war bei der Gebäudeanzahl extrem hoch und anstrengend. Es waren noch deutsche Kamine dabei, die man von Innen durchsteigen musste, mit Reiserbesen. Auch Ludwig Thoma verbrachte seine Kindheit in der Gegend. Dort liegt auch eine Sektionshütte von Alpenverein Lenggries. Das war also wunderbar! Alles Blechdächer, wenn du rauf bist, dann bist du gerutscht.

Dann kam die Zeit, da hat sich die Bauordnung geändert. Man durfte die Dachgeschosse überall ausbauen. Also musste man die Kehrungen über Dach vornehmen. Der Kaminkehrer trug Sorge, dass Sicherheitseinrichtungen aufs Dach kommen.

Alexander Völkl: Der Kaminkehrer?

Erich Zepf: Ja, der war für seine Angestellten verantwortlich. Ich musste das anordnen. Mit einer Mängelmeldung. Das und das ist zu machen. Bis dahin etwa eine Frist setzen.

„Wenn der Andere raufgegangen ist, dann musst du auch raufkommen,“ war der Einwand.

Alexander Völkl: Weil es mit Geld verbunden ist.

Erich Zepf: Weil es immer mit Geld verbunden ist. Aber es geht ja um Sicherheit. Die Leute haben auch oben vermietet. Also muss das auch in Ordnung sein.

Manche hatten überhaupt kein Einsehen, dass man da was ändert. Dann habe ich halt die Anordnung der Verwaltungsbehörde, des Landratsamtes zuschicken lassen. Dann ist gebührenpflichtiger Anordner gekommen. Dann schaut der natürlich.

Alexander Völkl: So macht man sich Freunde.

Erich Zepf: Nur so macht man sich Freunde! Irgendwann hat derjenige es eingesehen, dass das notwendig ist. Warum ich nicht nach Lenggries gezogen bin: Lenggries ist ein Fremdenverkehrsort mit damaligen Mietkosten um die 1.500 und 2.000 D-Mark, die ich für ein eigens Haus gebraucht hätte. So kam der Beschluss zu Stande hin und her zu Pendeln. Ich war ja auch für meinen Vater verantwortlich. Um halb 4 in der Früh bin ich in Peiting losgefahren. Dann ist es oft spät geworden. Acht Uhr, bis ich Heim gekommen bin. Und dann war noch Schreibarbeit zu erledigen.

Das ist mir alles über den Kopf gewachsen.

Alexander Völkl: Hast du auf dem Dach zum Singen angefangen?

Erich Zepf: Ich habe ab und zu ein Lied geschmettert.

Alexander Völkl: Warst du dafür bekannt in deinem Bezirk?

Erich Zepf: Als ich in Lenggries arbeitete sagten die in Schongau „Schade ist, dass das Zepf nicht mehr da ist. Der hat ab und zu ein Lied gesungen. Und der Postbote pfeift auch nicht mehr. Den hat seine Frau verlassen.“

Als ich früher im Altlandkreis Schongau gearbeitet habe, bin ich mit dem Keller Wilhelm zusammengekommen. Wir trafen uns in der Wirtschaft in Epfach. Ich im Rußgewand, er dem Mädel ein Lied zugeschmettert. Dann habe ich da eingestimmt.

„Mensch“, hat gesagt, „du musst zu uns. Du bist ein zweiter Tenor. Den brauchen wir.“

So kam ich zur Singgemeinschaft Schwabsoien.

Alexander Völkl: Was war jetzt dein liebstes Dach?

Erich Zepf: Mein liebstes Dach war oben am Seekar, da bin ich gerne gewesen, wenn die Sonne ins Jachental reingeschaut hat. Und da oben war ich frei. Wenn ich rauf musste bin ich über drei Stunden zu Fuß gegangen.

Es kam die Zeit, als ich die Arbeit im Kehrbezirk Lenggries körperlich nicht mehr gepackt habe. Lenggries ist gewachsen, neue Baugebiete und so weiter.

Da musste ich alle Rohbauabnahmen abnehmen. Begutachten, Schlussbauabnahme, Durchschläge an die Behörde, an den Hausbesitzer. Ich habe es dann nicht mehr geschafft und bin 1999 auf ärztlichen Rat hin mit 61 in Rente gegangen.

Alexander Völkl: Erich, vielen Danke für das Gespräch.

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