Alexander Völkl: Herzlich willkommen lieber Jürgen Erhard zum Sommergespräch 2026 der SING-Gemeinschaft Schwabsoien. Die Sommergespräche der SGS berichten über unsere Chormitglieder mit interessanten Tätigkeiten und Berufen. Du bist Kreisheimatpfleger, was ist das?
Jürgen Erhard: Das ist eine häufig gestellte Frage, weil das vielen gar nicht so geläufig ist, obwohl das sogar in der Bayerischen Verfassung verankert ist.
Im Endeffekt ist es so, jeder Landkreis und kreisfreie Stadt soll für die Erhaltung und Pflege der Heimat einen geeigneten Menschen berufen. In dem Fall wird es von einem Gremium vom Kreistag dann bestimmt, wer denn dafür geeignet ist. Der Mann oder die Frau muss ortskundig sein, muss sich mit der Kultur und der Geschichte in der Gegend auskennen.
Es ist relativ offen formuliert und somit gestalten das auch viele Landkreise und kreisfreie Städte so aus, wie sie es eben wollen. Was also die Tätigkeitsfelder und auch andere Modalitäten der ganzen Sache angehen. Spezifisch jetzt für uns im Landkreis Weilheim-Schongau, wo ich tätig bin, hat der Landkreis sich entschieden, dass es zwei Kreisheimatpfleger gibt.
Die sich thematisch und nicht räumlich den Landkreis aufteilen. Und somit bin ich also ein Kreisheimatpfleger, wie schon gesagt von der Verfassung gefordert und vom Kreistag bestimmt. Und meine Aufgaben sind Baudenkmäler, Bodendenkmäler und Friedhofskultur und Bestattungskultur bei uns im Landkreis zu betreuen.
Das ist erstmal so die Rahmenbedingungen des Ganzen für meine Tätigkeit.
Alexander Völkl: Man wird ja berufen vom Kreistag, wie du sagst, aber du hast dich beworben. Mit welchen Qualifikationen?
Jürgen Erhard: Genau, ich war zu dem Zeitpunkt, das war mitten im Corona, da war ich gerade mit meinem Doktor fertig.
Da habe ich erfahren, dass mein Vorgänger, der Helmut Schmidbauer, aufhört. Und dann habe ich mich da beworben mit meinem Studium der Geschichtsdidaktik und der politischen Bildung., habe ich schon mal auf jeden Fall da einen Teil abgedeckt, der da unter anderem ein bisschen gefordert wird, sich mit der Geschichte zu befassen und auszukennen.
Und halt als Einheimischer aus Schwabsoien, zwar am westlichsten Zipfel des Landkreises, aber trotzdem schon immer hier im Landkreis ansässig, fühlte ich mich da durchaus berufen, mich zu bewerben. Und ja, dann bin ich da gewählt worden.
Alexander Völkl: Ist es ein Ehrenamt oder wird es besoldet?
Jürgen Erhard: Es ist ein Ehrenamt, es ist ein Wahlamt und es wird bezahlt, das schon, aber jetzt halt nicht so, dass man reich wird.
Jürgen Erhard: Also das ist, sagen wir mal, eine Aufwandsentschädigung.
Alexander Völkl: Was war in diesen sechs Jahren das beeindruckendste Ereignis, Erlebnis in dieser Tätigkeit?
Jürgen Erhard: Also das ist eine echt interessante Frage. Man trifft viele, viele Menschen und man kommt an viele, viele Orte, wo man eben davor noch nicht war und noch nicht gesehen hat. Und ich glaube, da jetzt eins rauszupicken ist schwierig, aber ich versuche es mal, weil es ein bisschen, sagen wir mal, illustriert, was mich da am meisten auch fasziniert.
Das ist einerseits, daran kann ich mich gut erinnern, wo ich das erste Mal in der Wieskirche oben im Dachstuhl drin war. Das ist jetzt ein Ort, wo man nicht hinkommt, wenn man jetzt eine normale Kirchenführung da macht in unserem UNESCO Weltkulturerbe, sondern wir sind da mit dem Wies-Kurat hinaufgegangen, weil wir uns wegen Denkmalpflege den Dachstuhl haben anschauen müssen. Und wie gesagt, das sind Orte, wo man nicht hinkommt und da war ich vollkommen erschlagen und überwältigt von diesem Dachstuhl, der sehr außergewöhnlich ist.
Der Kurat und die Architektin haben dann bloß scherzhaft gesagt, der Baumeister von der Wieskirche hieß zwar Zimmermann, aber er war kein Zimmermann. Der hat diesen Dachstuhl mit hundertfacher Sicherheit geplant, also da ist ein ganzer Wald drin gestanden, also so viel Sparren, das hat man noch nie gesehen. Das war sehr beeindruckend, wegen seiner Wuchtigkeit, weil ich sowas noch nicht gesehen habe.
Das ist sehr spannend, dass man an Orte gehen darf, wo man sonst nicht so reinkommt. So auch das Radom in Raisting, wenn man mal drin war, und zwar oben in den Steuereinheiten dieser großen Satellitenschüssel.
Das sind so die Dinge, die einen einfach ein bisschen überwältigen, weil es halt so opulent ist, entweder wie bei der Wieskirche oder weil es eben technisch anspruchsvoll ist, wo man sich gerne vorstellt, wie das wohl ausgeschaut hat, wo das noch im Betrieb war. Aber es sind oft auch die kleinen Sachen oder vor allem die menschlichen Begegnungen. Man ist an vielen kleinen Bauernhäusern oder Handwerkerhäusern in den Altstädten, wo Leute das Gebäude sanieren wollen.
Und man muss die Bauherren beraten und spricht mit denen dann über ihr Haus. Und dann erzählen die einem auch über die Geschichte der Familie, die da schon seit Ewigkeiten wohnt oder was jetzt da auch ihre Nöte und Probleme sind, die mit diesem Gebäude und mit den Umbaumaßnahmen zusammenkommen. Und das ist eigentlich auch interessant.
Da entstehen sehr, sehr viele interessante Gespräche und menschliche Begegnungen. Und man gewinnt dann auch eine ganz andere Einstellung zu dem Gebäude, dass man erst ein bisschen von außen betrachtet nach kunsthistorischen Einschätzungen oder nach architektonischen Besonderheiten. Aber erst dann wird einem bewusst, da hat einfach mal unter Umständen 700, 600 Jahre menschliches Leben stattgefunden.
Und das ist dann teilweise auch sehr bewegend, wenn dann die Leute, die da seit x Generationen auf dem Hof zum Beispiel sind, eben noch alte Fotos rausholen und Geschichten erzählen und zeigen, wie es da ausgeschaut hat und wie es da halt zugegangen ist teilweise. Das beeindruckt mich dann schon auch immer sehr. Es muss nicht immer nur opulent oder irgendwie aufwendig sein, sondern oft auch einfach nur menschlich.
Alexander Völkl: Friedhöfe gehören zu deinem Aufgabengebiet. Was, kann ich mir gar nicht so richtig vorstellen, was genau machst du da?
Jürgen Erhard: Bei Friedhöfen, da sind wir genau wieder bei dem menschlichen Aspekt. Das ist quasi unser letzter Weg.
So sind Friedhöfe dementsprechend ein sehr wichtiger Ort für die Menschen, die ihre Angehörigen da bestattet haben. Also da kommt ganz viel zusammen. Es ist auch ein sehr emotionales Thema, immer da mitzuarbeiten.
Und darum bin ich da natürlich in beratender Funktion tätig, denn auf unsere Friedhöfe kommt gerade etwas Großes zu. Das hat sich die letzten Jahre schon abgezeichnet, dass sich unsere Bestattungskultur fundamental gewandelt hat. Die Urnenbestattung ist jetzt gerade auf einem Höchststand und es ist nicht absehbar, dass sich das ändern wird.
Und die Erdbestattungen gehen immer weiter zurück. Und somit werden unsere Friedhöfe in Stadt und Land zahnluckiger, hätte jetzt mein Vorgänger gesagt. Also die Grabsteine verschwinden, weil die Gräber aufgelassen werden.
Weil viele Angehörige nicht mehr hier wohnen, die dann die Gräber pflegen können. Und wenn die Liegezeit vorbei ist, dann wird eben das Grab abgeräumt. Und wird dann halt nicht mehr nachvergeben, weil eben die Nachfrage in Erdbestattung nicht da ist.
Das heißt, Friedhöfe, die man in die 80er erweitert hat, noch Grundstück dazukauft hat, die werden leerer werden. Über die nächsten Jahrzehnte, das wird dauern. Und da haben jetzt die Gemeinde oder als Kirchenstiftung, wer auch immer der Träger ist, einen Modus zu finden, damit umzugehen.
Also können wir einen Friedhof als Grünfläche, als parkähnliche Anlage denken, so wie es in München schon teilweise im Nordfriedhof zum Beispiel der Fall ist.
Alexander Völkl: Berätst du da die Gemeinden, Kommunen und Kirchen, wie das vonstattengeht?
Jürgen Erhard: Also ein erster Zugang ist oft das Thema, was bei jeder Gemeinde irgendwann mal kommt, Friedhofsmauer. Und da trifft man da zum ersten Mal aufeinander, weil die ist oft nicht zwingend denkmalgeschützt.
Obwohl die meisten Kirchen denkmalgeschützt sind, sind es die Friedhofsmauer manchmal nicht. Aber das ist das Schöne beim Heimatpfleger. Ich bin nicht auf das Denkmalprädikat fixiert.
Also wenn es ein Gebäudedenkmal ist, ist es für mich wichtig. Aber wenn jetzt etwas für einen Ort bedeutend ist, dann ist es für mich genauso wichtig. Ich kann da hinkommen und beraten mit den Leuten reden. Die Kollegen der unteren Denkmalschutzbehörde könnten da jetzt keine Auflagen machen,
oder sagen, das sollst du so oder so machen. Sondern da rede ich halt damit den Leuten und sage, Mensch, wie saniert man jetzt? Ich bin jetzt auch kein Bauingenieur oder sowas, aber die Frage ist, wie kann ich die Friedhofsmauer wieder herstellen, wenn das sich historisch einfügt oder das ein passendes Bild macht. Oft ist nicht die einfachste Lösung, auch die schönste Lösung.
Und so kommt man dann mit den Leuten zusammen, die für den Friedhof zuständig sind. Und da kommen wir dann ganz schnell auf dieses Thema. Denn es fällt natürlich den Friedhofspflegern auch auf, die sich darum kümmern, dass der Friedhof sauber ausschaut.
Auch Bestatter, mit denen reden wir gerade ganz viel, weil die das natürlich auch mitkriegen. Da sie durch ihren Betrieb gerade auch feststellen, dass sie mehr Urnen verkaufen. Und die wollen natürlich immer mehr Sonderbestattungsdinge auch mal in Zukunft umsetzen.
In anderen europäischen Ländern gibt es ja ganz andere Bestattungsarten, die bei uns noch verboten sind. Also da kommt viel auf uns zu. Oder ich gehe auf die Gemeinde zu, um der Sache vielleicht ein bisschen zu begegnen.
Das wird viel Überzeugungsarbeit brauchen, weil die Leute sich vielleicht noch gar nicht so darauf einstellen können, dass der Friedhof vielleicht bald nicht mehr so ausschaut, wie man es jetzt gewohnt ist.
Alexander Völkl: Hat ein Kreis Heimatpfleger rechtliche Befugnisse, dass er sagt, so macht ihr das nicht, ich melde das der Behörde?
Jürgen Erhard: Also im Endeffekt ist es so, ich bin keine Genehmigungsbehörde, also ich darf jetzt nichts verbieten oder erlauben. Aber ich bin ein Träger öffentlicher Belange.
Das heißt, ob bei Bauleitplanung, also wenn jetzt egal welche Gemeinde bei uns im Landkreis ein Baugebiet ausweist oder einen Bebauungsplan ändert oder einen Flächennutzungsplan, werde ich involviert und muss dann eine Stellungnahme dazu abgeben. Und genauso ist es dann bei anderen Dingen, wie wenn jetzt ein Funkmast aufgestellt wird oder Ähnliches, werde ich mit einbezogen, darf dann eine Stellungnahme abgeben, aber es ist eben nicht so wie beim Landratsamt, die dann wirklich in letzter Konsequenz was fordern können oder was verbieten können.
Alexander Völkl: Letzte Frage noch, was ist dein Lieblingsdenkmal? Das ist eine gute Frage.
Jürgen Erhard: Das ist jetzt, wie ich es vorhin schon gesagt habe, wenn man so rumkreist ist durch den ganzen Landkreis, dann kommt es immer ein bisschen auf die Tagesform an, was man jetzt gerade so richtig feiert oder in sein Herz schließt. Manchmal sind es die schönen Klöster, die wir bei uns im Pfaffenwinkel haben, wie Polling, wenn man da mal reinschaut. Oder mal was Technisches, die Hammerschmiede Schwabsoien, weil es halt aus meiner Heimatgemeinde ist und ich das als Denkmal eintragen durfte und damit wirken durfte, dass es Denkmal wird.
Aber oft, wenn ich es so nachdenke, ist es dann doch vielleicht wieder das Emotionale, was es bei mir macht. Die Schwabsoier-Kirche, die Stephanus-Kirche, ist mit Sicherheit nicht die bedeutendste Pfaffenwinkel-Kirchenarchitektur. Die ist nach dem Dorfbrand 1823 wieder aufgebaut worden, im Klassizismus und nicht mehr im Barock oder Rokoko, von einem Baumeister Left aus Schongau.
Der hat solide Kirchen gebaut. Das ist aber nichts, wo ich mal sagen würde, das ist sowas wie Wieskirche in klein. Aber im Endeffekt, man ist da drin getauft worden, hat da Kommunion gehabt, gefirmt, geheiratet hat man, Angehörige hat man da quasi beerdigt.
Also das Denkmal hat viel mit Emotion zu tun. Genau, und das ist auch das, was ich in den Gemeinden, wenn man unterwegs ist, immer erfahre. Oft sind es nicht die Hochglanzdenkmäler, die man oft auf dem Kalender sieht, wenn mal wieder das Heimatministerium so einen schönen Kalender macht, wo sich die Volksseele so ein bisschen dran aufhängt oder das Heimatgefühl festmacht. Sondern es sind oft die Dorfwirtschaft, wo immer das Leben zusammengekommen ist, oder eben die Kirche, wo schon immer die Feste gefeiert worden sind, die für einen eine höhere Bedeutung haben.
Also so sehe ich es jetzt in dem Fall auch.
Alexander Völkl: Lieber Jürgen, danke für dieses Gespräch.